
Mit Heiterkeit und Begeisterung verfolgten die Zuschauer im ausverkauften Gießener Stadttheater die Barockoper „Die großmütige Tomyris“. Reinhard Keisers Drama über die Barbarenkönigin Tomyris gehörte nach der Uraufführung (Hamburg 1717) zu den beliebtesten Opern Deutschlands. Gastregisseur Roman Hovenbitzer hat das vergessene Meisterwerk neu entdeckt.
Die Bühne ist ein zerstörtes Theater, in das ein Flugzeug abgestürzt ist. In der ersten Szene köpft Skythenkönigin Tomyris, in einer fulminanten Leistung gesungen und gespielt von Odilia Vandercruysse, den gefangenen Perserkönig Kyros. Der Kopf des feindlichen Heerführens ziert fortan den rechten Bühnenrand. Die siegreichen Barbarenkrieger feiern undie Könige Policares (Patrick Henckens) und Doraspe (Matthias Ludwig) wollen die ebenso schöne wie erfolgreiche Königin heiraten. Die aber liebt ihren Feldherrn Tigranes, den Christian Zenker als beeindruckenden Highlander spielt. Der aber trauert um die vermeintlich tote Meroe, Tochter des Perserkönigs. Meroe, Tochter des Perserkönigs. Meroe, von Carla Maffioletti als listige Gegenspielerin der Tomyris gespielt, schleicht sich als Wahrsagerin am Hof der Skythenkönigin ein, um den Tod ihres Vaters zu rächen. Das Publikum erlebte ein schaurig-schönes Endzeitdrama mit wunderbarer Barockmusik, die die Gießener Philharmoniker unter Leitung von Michael Schneider erstklassig spielen. Der Chor und die Mitglieder der Tanzcompagnie waren die martialischen Krieger, die Beute und Leichen über die Bühne schleppten. Das Bühnenbild, das an den Absturz eines amerikanischen Bombers in die Dresdner Semperoper denken ließ, hat Lukas Noll entworfen. In waberndem Rauch agierten die in Leder und Ketten gekleideten Entzeithelden wie man sich Besucher der Heavy-Metal-Festivals in Wacken vorstellt. Als persischer Oberpriester treibt Alexander Herzog die zögernde Meroe zum Mord an der Königin, den Tigranes vereitelt. Verdächtigt, der eigentliche Attentäter zu sein, wird er festgenommen und von seinen Bewachern misshandelt. Schließlich wird er an eine Säule gebunden und die Königin befiehlt, dass die tödlichen Pfeile abgeschlossen werden, wenn sie das Signal gibt. Meroe versucht Tigranes zu befreien und gibt sich als Tochter des toten Perserkönigs zu erkennen. Die Königin glaubt ihr Geständnis und lässt den Verurteilten losbinden. Es taucht noch ein Breif auf, der Tigranes als ihren Sohn legitemiert. Nach der barocken Rettung aller Akteure durch den beliebten „Deus ex machina“ lässt Roman Hovenbitzer das versöhnliche Ende als Traumbild der Tomyris entlarven und legt die geköpften Leichen von Tigranes und Meroe in die Kulisse. Dem Stadttheater ist mit dieser Wiederentdeckung und ihrer zeitgemäßen Umsetzung ein Opernerlebnis gelungen, das man allen Freunden des heiteren Umgangs mit ernster Musik nur wärmstens ans Herz legen kann. Klaus-J. Frahm, Wetzlarer Neue Zeitung, 21.09.2010